Steigen Sie ein

Intelligente Mitfahrdienste, autonome kleine Elektrobusse – ein Thema nur für Großstädte? Von wegen. In Neustadt will ein Start-up beweisen, dass man auch in Mittelstädten Autoverkehr vermeiden kann, ohne dass die Lebensqualität leidet.

Von Kerstin Witte-Petit

Vor fünf Minuten gebucht – schon kommt er, der weiße Tesla. Fast lautlos rollt das E-Auto heran, man hört nur das Knirschen der Reifen auf dem Asphalt. „Steigen Sie ein“, sagt der Fahrer. Und fast lautlos rollen wir los. Innen kann man auf einem großen Display verfolgen, wie das Auto während der Fahrt jedes Hindernis registriert, jedes parkende Fahrzeug am Straßenrand. Und schon sind wir angekommen. Auf den nächsten Bus hätte ich 40 Minuten gewartet.

Für 95 Neustadter ist das heute schon Realität. Sie sind seit zwei Monaten die Testgruppe für ein Mitfahrdienstsystem, das das Neustadter Start-up MoD Holding GmbH in der Stadt an der Weinstraße einrichten will. MoD steht kurz für „Mobility on Demand“. Und der Mitfahrdienst , der dem Unternehmen vorschwebt, ist ein Zwischending aus Taxi und Bus: Man will von A nach B, ruft per Handy-App ein Auto, fährt aber vielleicht nicht alleine mit. Denn wenn andere zur gleichen Zeit ähnliche Strecken buchen, werden sie ebenfalls mitgenommen, kleine Umwege muss man dann in Kauf nehmen. Der Vorteil: Statt lange zur Bushaltestelle zu laufen und Ewigkeiten auf den nächsten Bus zu warten, findet man schon nach höchstens 200 Metern einen Abholpunkt und wartet maximal zehn Minuten, bis das Auto kommt. Deutlich zielgenauer als mit dem Bus kommt man dann dort an, wo man hinwill. Das ist die Idee.

So weit aber ist es noch nicht. Im Moment fahren zwei Teslas durch Neustadt, holen die Tester sogar an der Haustüre ab und fahren sie, wohin sie in Neustadt wollen. Nach jeder Fahrt füllen die Testpassagiere einen Fragebogen aus, den die Technische Universität Kaiserslautern auswertet. So will das Unternehmen erfahren, was die Passagiere freut, was sie stört, wie lange sie zum Einsteigen brauchen und welche Sonderfälle zu bedenken sind. Zum Beispiel sei jetzt schon klar, dass ein älterer Fahrgast mit Rollator immer einen helfenden Fahrer brauchen wird – selbst, wenn die Autos irgendwann einmal autonom durch Neustadt rollen sollten, also ohne dass ein Mensch am Lenkrad sitzt. In Testphase zwei sollen Haltepunkte eingerichtet werden („MoDStops“ sollen sie heißen), zu denen man sich hinbegibt. In einem dritten Schritt wird schließlich das „Pooling“ getestet – also das Bündeln zueinander passender Fahrtwünsche.

Ganz neue Idee? Nein, natürlich nicht. In Hamburg ist die VW-Tochter Moia mit einem solchen Service gestartet, in Berlin nutzen schon Tausende den „Berlkönig“. Aber dass sich ein Unternehmer in einer Mittelstadt an die Sache wagt, das ist schon ungewöhnlich. Dabei, schwärmt MoD-Pressesprecher Matthias Fenz, lässt sich gerade hier viel mehr fürs Klima erreichen. „In Großstädten sind 39 Prozent aller Fahrten Autofahrten, es gibt ja viele Busse und U-Bahnen. In Neustadt liegen die Autofahrten bei 69 Prozent. Das wollen wir ändern.“

Fenz ist überzeugt, dass das MoD-Modell Zukunft hat. Als Neustadter kennt er die nervige Parkplatzsuche in der Innenstadt; das eigene Auto für Besorgungen in der Stadt zu nehmen, sei selten eine reine Freude. Und das Sammeltaxi-Gefühl mit fremden Mitfahrern preist Fenz als nette Gelegenheit, sich auszutauschen, während im großen Bus doch jeder nur vor sich hinstarrt. Was man für den Mitfahrdienst eines Tages bezahlen muss, kann Fenz heute nicht sagen. Der Preis wird zwischen einer Taxifahrt und einer Busfahrt liegen, das Unternehmen strebt Preise etwas über ÖPNV-Niveau an. Vom Preis wird am Ende wohl auch abhängen, ob die besorgten Taxifahrer der Stadt die neue Konkurrenz ernsthaft fürchten müssen.

Zuschüsse von öffentlichen Stellen gibt es für das Projekt nicht. MoD-Gründer und -Geschäftsführer Stefan Rouwen, ein BASF-Ingenieur, finanziert die Firma mit derzeit rund zehn Mitarbeitern nach eigenen Angaben mit eigenem Geld und Wagniskapital von Investoren. Sein Pressesprecher räumt ein: „Ein Geschäftsmodell ist der Mitfahrdienst erst, wenn die Autos autonom unterwegs sind.“

Bis dahin dürften noch einige Neustadter Weinjahrgänge reif werden. Erstens, weil autonome Fahrzeuge in Deutschland gar nicht ohne kontrollierenden „Begleiter“ fahren dürfen, selbst wenn sie alleine fahren können. Zweitens, weil es technisch durchaus herausfordernd ist, wenn sich autonome Autos und normale, von Menschen gesteuerte Blechkarossen dieselben Straßen teilen sollen. Selbst wenn der MoD-Dienst in Neustadt zum Angebot für alle wird, wird man also noch eine ganze Weile einen Fahrer aus Fleisch und Blut sagen hören: „Steigen Sie ein.“

Einer anderen technischen Aufgabe will sich die Neustadter Firma in den nächsten Monaten widmen: einem autonom fahrenden Shuttle-Bus aufs Hambacher Schloss. Es sei „die herausforderndste Strecke weltweit“ für einen autonomen Kleinbus, urteilt die Hambach-Shuttle-Projektleiterin, Kerstin Ullrich: extreme Steigungen, enge Kurven, teilweise unbefestigte Seitenstreifen, ein Weg durch den Wald, bei dem Bäume den GPS-Empfang stören können, dazu enge Straßen im malerisch-schönen Neustadter Ortsteil Hambach. Das Acht-Plätze-Fahrzeug in VW-Bus-Größe muss viel können, um so etwas zu bewältigen: Es muss besonders gute Sensoren haben, um auch mal ohne GPS-Signal zurechtzukommen. Und einen Vierradantrieb. Den braucht es nicht, weil es etwa bei Eis und Schnee mit Karacho hinauf zum Schloss preschen soll, im Gegenteil: Beim geplanten höchst gemächlichen 15 Stundenkilometer-Tempo ist Schwungnehmen vor den steilsten Stellen nicht drin.

Wer „autonomes Fahren“ hört, denkt an Gefahren, an die beiden tödlichen Unfälle von autonomen Teslas in den USA. Die Sorge der MoD-Leute beim Hambach-Shuttle geht eher in die gegenteilige Richtung: Wird die Sensorik, die das Fahrzeug vorne zwei Meter weit überwacht und an den Seiten 30 Zentimeter weit, den Wagen ständig stoppen? Zum Beispiel schon dann, wenn in Hambach ein Anwohner aus dem Haus tritt, wenn ein Radfahrer das Shuttle so eng überholt, wie er es auch sonst gewohnt ist, oder wenn ein Autofahrer zu wenig Abstand hält? Dann nämlich könnte aus einer vergnüglichen Autopilot-Fahrt hinauf zum Schloss ein nervend stotterndes Stop-and-go werden.

Es gibt also noch viel zu testen – und im Herbst soll es losgehen, eng begleitet wiederum von der TU Kaiserslautern und in der Planung eng verzahnt mit der Stadtverwaltung. Zunächst auf drei kleinen Teststrecken. Ein autonomes Fahrzeug ist bestellt und soll nun endlich im Oktober geliefert werden. „Die Nachfrage nach autonomen Kleinbussen ist derzeit groß“, erklärt Pressesprecher Fenz, warum alles ein wenig länger dauert als ursprünglich geplant. „Und jedes Fahrzeug wird nach den Anforderungen des Bestellers einzeln angefertigt.“

Autonome Kleinbusse sind nicht billig – etwa 250.000 Euro kostet einer – und die Testreihen werden auch nicht preiswert sein. Allerdings wird das Projekt Hambach-Shuttle vom Bundesverkehrsministerium mit 2,03 Millionen Euro bezuschusst. Etwa 1,4 Millionen Euro steuert die Firma MoD selbst bei.

Im besten Fall könnte das Shuttle zum Schloss den touristischen Autoverkehr durch das enge Hambach auf ein Minimum reduzieren. Besucher würden unterhalb des Dorfs zu einem Parkplatz geleitet, von dem aus sie das Shuttle rufen könnten. Noch überwiegt bei vielen Hambachern die Besorgnis, manche sähen lieber eine Seilbahn als autonome Busse. Möglicherweise müssen für die Busse später einige Parkplätze im Dorf weichen. Projektleiterin Kerstin Ullrich möchte die Hambacher bei der Routenplanung eng einbinden. Denkbar wäre ein kleiner Rundkurs, damit nicht die Schlossstraße allein den Verkehr schlucken muss. Denkbar wären aber auch Haltepunkte bei Winzern oder an Gaststätten, damit die Hambacher vom Schlosstourismus profitieren, statt ihn nur vor ihrer Haustür vorbeirauschen zu sehen. Dann würde vielleicht eines Tages eine Computerstimme den Touristen im Minibus sagen: „Möchten Sie Wein aus Hambach probieren? Dann steigen Sie jetzt aus.“